GEW-KV BS fordert Fortsetzung des kontinuierlichen Weges zur Inklusion

Stellungnahme der GEW Braunschweig zur aktuellen Schulgesetzänderung bezüglich des Hinausschiebens des Auslaufens der Förderschule Lernen vom Schuljahr 2021/22 auf das Schuljahr 2027/28

Wir fordern die Stadt Braunschweig  als Schulträger und ihre politisch Verantwortlichen auf, den bisherigen vom Gesetzgeber vorgegebenen kontinuierlichen Weg zur Inklusion fortzusetzen.

  • Keine Pause auf dem Weg zur Inklusion
  • Gegen die zeitlich begrenzte Fortführung der Jahrgänge  5 –  9 an der „Astrid-Lindgren-Schule“ Förderschule Lernen
  • Für das Auslaufen dieser Schulform  zum Schuljahr 2021/2022

Die Braunschweiger Schulen sind auf einem guten Weg im Hinblick auf die Gestaltung und Entwicklung der Inklusion an ihren Schulen.

Die Grundschulen haben durch den stetigen Ausbau ihrer Integrationskonzepte hin zur Inklusion eine längere Tradition, die sich nun verstärkt durch den Gesetzgeber auch in den weiterführenden Schulen fortsetzt.

Die Stadt hat zudem durch die Einrichtung eines Steuerkreises Inklusion, in dem die verschiedenen Akteure in diesem Bereich sich austauschen, informieren und beraten, den Prozess unterstützt und begleitet ihn.

Die personellen und sächlichen Ressourcen in den Schulen sind unbestritten deutlich verbesserungswürdig, um Überlastungen der Lehrkräfte, wie immer wieder durch die GEW angemahnt, gegenzusteuern. Gerade für den Hauptschulzweig der GHS Pestalozzistraße würden sich die räumlichen Bedingungen nicht verbessern, da das Gebäude der Astrid-Lindgren-Schule nicht wie vorgesehen zur Verfügung stehen würde.

Trotz der schlechten Rahmenbedingungen befürworten die meisten der Lehrkräfte den konsequenten Weg zur inklusiven Beschulung aller Kinder und wünschen kein Anhalten und Ausweichen, da es ihrem pädagogischen Ethos entspricht.

Verstärkt wird die Haltung unserer Kolleginnen und Kollegen auch durch wissenschaftliche Studien. Die internationale Studie Pisa-Sonderauswertung „Erfolgsfaktor Resilienz“  beantwortet aktuell die Frage, welche schulischen Faktoren sich positiv auf den Schulerfolg von Schülerinnen und Schülern auswirken. Dies sind Schulen mit einem geordneten und lernorientierten Klassenklima und einer guten sozialen Mischung. Gerade durch die  Förderschule Lernen ist aber die Ausgrenzung von sozial schwachen Kindern zu beobachten, da diese durch die häusliche Situation oft nicht die notwendige Unterstützung/Förderung erhalten können. Die Stadt Braunschweig unterstützt die Förderung aller Kinder in Kindergärten und Familienzentren durch das „Early Excellent“ Programm und auch in den Grundschulen erfolgen Unterstützung und Förderung. Ab der 5. Klasse wieder auf Ausgrenzung zu setzen, ist unserer Meinung diskriminierend für Kinder mit Lernschwierigkeiten.

Das Nebeneinander von inklusiver Schule und Förderschule im Förderschwerpunkt Lernen verbraucht sowohl personelle als auch finanzielle Ressourcen, die für den Ausbau der inklusiven Schule dringend benötigt werden und dort sinnvoller eingesetzt werden können. In den Erläuterungen zu der Schulgesetzänderung geht das Land Niedersachsen von 50 Millionen Kosten durch die Fortführung der Förderschulen Lernen aus. Hinzu kommen die Kosten, die den Schulträgern entstehen. Diese Mittel fehlen dann für alle SchülerInnen, die an den Schulen inklusiv beschult werden. 

Bisher gehen die Überlegungen von einer Fortsetzung mit 2 Klassen aus. Dies entspricht 36 Schulplätzen. Wenn sich diese 36 Kinder auf die bestehenden Haupt- und Realschulen verteilen, entspricht dies pro 5. Jahrgang 3 – 4 Kindern mehr.

Die Schulen hätten aber durch die Auflösung der Förderschule Lernen weitere Ressourcen zur Verfügung. Jedes Parallelsystem kostet zusätzliche Ressourcen, die anderswo fehlen.

Es sind landesweit Prozesse eingeleitet und Konzepte im Hinblick auf Inklusion entwickelt worden, die ihre Wirkung gerade erst zu entfalten beginnen: sei es die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams oder die Implementierung der Regionalen Beratungs- und Unterstützungszentren - RZI – auch in Braunschweig  zum Schuljahr 2018/19.

Unstrittige Tatsache ist auch, dass die Umsetzung der Inklusion Zeit benötigt, sowohl hinsichtlich ihrer Implementierung als auch hinsichtlich ihrer Akzeptanz und des erforderlichen nachhaltigen Perspektivwechsels in der Gesellschaft. Der nun vorgeschlagene zusätzliche Zeitfaktor dient allerdings nicht der Stärkung der Inklusion, sondern schafft unnötig weitere Verunsicherung.

Auch die mögliche Überlegung in Braunschweig, an anderen allgemein bildenden Schulen ggf. Hauptschulen, Lerngruppen für Schülerinnen und Schüler mit Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Förderschwerpunkt Lernen einzurichten, ist für die GEW Braunschweig  der falsche Weg. Da auch diese Segregation einseitig das Aussondern von Schülerinnen und Schülern mit Lernauffälligkeiten befördert. Der Gesetzgeber missachtet völlig die anerkannte soziale Dimension von Beeinträchtigungen. Diese Art der segregierenden Beschulung dient weder dem individuellen Wohl des einzelnen Kindes oder Jugendlichen noch der Schaffung besserer Bildungschancen. 

Die GEW Braunschweig  fordert deshalb die Fortführung des begonnenen Wegs und keinen Rückschritt bei der inklusiven Beschulung in Braunschweig. Daher sprechen wir uns eindeutig gegen eine Fortführung der Förderschule Lernen oder die Einführung von getrennten Lerngruppen in Schulen in Braunschweig aus.

 Kathleen Bosse                                  Kai Pawletko