Therapeutische Fachkräfte starten Protestaktion

Um auf die Ungleichbehandlung zwischen Therapeutischen und Pädagogischen Fachkräften an niedersächsischen Förderschulen hinzuweisen und eine außertarifliche Lösung einzufordern, sind Anfang Juni in einer landesweit abgestimmten Aktion Protestbriefe an die jeweils für die Wahlkreise der Schulen zuständigen Landtagsabgeordneten  versendet worden. Konkret wurde auf den Sachverhalt der schlechteren Bezahlung aber auch auf die immer noch unhaltbare Praxis der Zwangsteilzeit-Arbeitsverträge, die Therapeutische genauso wie alle Sozialpädagogischen Fachkräfte an Förderschulen betrifft, hingewiesen.

Neben den Therapeutischen Fachkräften sind auch alle Kolleg*innen der jeweiligen Schule , die Elternvertretungen und die Schüler*innenvertretungen aufgefordert worden, sich solidarisch zu zeigen und ebenfalls für eine Änderung der beschriebenen Unzulänglichkeiten einzutreten. In vielen Schulen ist die Aktion auf ein sehr positives Echo gestoßen, viele haben sich beteiligt! Bleibt zu hoffen, dass sich die angeschriebenen Politiker*innen für diese wichtige Berufsgruppe einsetzen!!!

Der Protestbrief in Auszügen:  

(…) Um eine Angleichung an die Beschäftigten aus dem Sozial- und Erziehungsdienst der Kommunen zu erreichen, steht Beschäftigten des Sozial- und Erziehungsdienstes im Landesdienst ab 2017, als Ergebnis der Tarifverhandlungen, eine Zulage zwischen 80 und 100 Euro bei vollem Vertrag zu (leider müssen fast alle in Zwangsteilzeit mit 80% arbeiten…). In niedersächsischen Förderschulen arbeiten neben den Erzieher*innen, Heilpädagog*innen, Motopäd*innen und Heilerziehungspfleger*innen, die tarifrechtlich im Bereich des Sozial-und Erziehungsdienstes verankert sind, auch Beschäftigte aus den sogenannten „Gesundheitsberufen“. Bisher wurden auch diese Berufsgruppen in Tarifabschlüssen immer gleich behandelt, doch das ist nun nicht mehr der Fall, sie wurden von der Lohnentwicklung abgehängt.

In meiner Schule, (…), arbeiten Physiotherapeut*innen,  Ergotherapeut*innen und Logopäd*innen  in multiprofessionellen Teams – was übrigens seitens der Politik immer wieder propagiert wurde und wird - gleichrangig neben sozialpädagogischen Fachkräften in unterrichtsbegleitender Funktion und Lehrkräften in multiprofessionellen Teams. Die therapeutischen Fachkräfte sind grundsätzlich in alle pädagogischen Belange einbezogen und führen in der Regel unterrichtsimmanent eigenverantwortlich Therapien durch. Als aktive Mitglieder von Konferenzen und Fachgruppen konzipieren und gestalten sie im Team das Schulleben, sind in die Weiterentwicklung der schulischen Arbeit eingebunden, fördern und beraten professionell alle Beteiligten in der Inklusion. 

Die Tatsache, dass diese Kolleg*innen von der tariflich vereinbarten Zulage (80 Euro) ausgenommen sind, mag einem in dieser Hinsicht „unglücklichen“ Verlauf der Tarifverhandlungen 2017 geschuldet sein. Für unsere tägliche Zusammenarbeit in der Schule reicht dies als Erklärung ganz sicher nicht! In unserer Schulform und in der Inklusion muss die therapeutische und pädagogische Arbeit in allen Belangen Hand in Hand gehen, damit wir dem Auftrag für eine angemessene, individuelle Förderung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in vollem Umfang gerecht werden. (…)

Wir therapeutischen Fachkräfte sind nicht bereit, bis zur nächsten Verhandlungsrunde damit zu leben, dass unser Tätigkeit überschattet wird von einer geradezu zynisch anmutenden Ungerechtigkeit: 

Wir, die sich täglich um therapeutisch-pädagogische Lösungen bemühen und aus diesem Grund auch in der Schule eingesetzt werden, wollen uns nicht damit abfinden, dass uns der finanziellen Zuschlag, der bei sozialpädagogischen Fachkräften am Ende des Monats auf dem Konto ist, vorenthalten wird - noch dazu mit der Begründung, dass in Niedersachsen offensichtlich allein der Finanzminister über solch eine Zulage entscheidet. (…)

Wir fordern, dass dieses Störfeld zeitnah beseitigt wird. Wir fordern, dass das Kultusministerium und das Finanzministerium für die 332 betroffenen Therapeut*innen einen „niedersächsischen Weg“ finden, um dieser (relativ kleinen) Gruppe von Fachkräften den genannten Zuschlag ebenfalls zu zahlen. Ganz im Sinne wie es die ehemalige Kultusministerin Frauke Heiligenstadt schon in einem Brief vom 4. Juli 2017 an das Finanzministerium gefordert und auch die GEW bereits vorgeschlagen hat (siehe Artikel von R. Heitefaut in GEW 9/2017). Gleiche Arbeit – gleicher Lohn.

Björn Steinmeyer, Therapeutische Fachkraft Oswald-Berkhan-Schule, Braunschweig – Referat Jugendhilfe und soziale Arbeit